prevenTUM-Fortbildung: Zu wenig Schlaf verhärtet und verstopft die Arterien

Wer dauerhaft zu wenig schläft, lebt gefährlich: Zu den Folgen zählen nicht nur (u. a.) Tagesmüdigkeit, Erschöpfung, leichte Reizbarkeit und Konzentrationsprobleme; langfristig können Schlafstörungen auch dem Herzen schaden. „Chronischer Schlafmangel erhöht das Risiko für Herzerkrankungen um bis zu 50 Prozent“, erklärte Kardiologe Univ.-Prof. Martin Halle bei der gestrigen prevenTUM-Fortbildung „Gesunder Schlaf“ im Klinikum rechts der Isar. Rund 300 Ärzte, Sport- und Ernährungswissenschaftler, Studenten, Physiotherapeuten und medizinische Mitarbeiter nahmen an der Fachveranstaltung teil. Drei Experten hielten Vorträge: Prof. Heiser, Prof. Roenneberg und Prof. Halle. Bei ihnen bedanken wir uns an dieser Stelle herzlich.

Klicktipps:
- Münchner Ärztliche Anzeigen, 08.11.2019, Titelgeschichte zur prevenTUM-Fortbildung „Schlaf“ (4 S.)
B5 aktuell, Fitnessmagazin, 27.10.2019, Podcast „Wie Schlaf die Fitness beeinflusst“ (ca. 4:30 min ab ca. 7:23 min bis ca. 11:53 min)

Hier unser Nachbericht:

Schlechter Schlaf, krankes Herz
Bei Menschen, die dauerhaft schlecht schlafen, nicht ein- oder durchschlafen können, bleiben Blutdruck und Herzfrequenz nachts zu hoch und senken sich nicht ab. Dies lässt die Arterien schneller verhärten und verstopfen und begünstigt Herzerkrankungen wie Koronare Herzerkrankung (KHK), Herzschwäche, Vorhofflimmern und Angina pectoris.
Wie sehr chronische Schlafstörungen die Entwicklung einer Atherosklerose (Arterienverkalkung) beschleunigen, hat u. a. die PESA-Studie mit knapp 4.000 gesunden Probanden untersucht. Forscher aus Madrid präsentierten die Ergebnisse auf dem Europäischen Kardiologenkongress 2018. Die Studie belegte: Probanden mit sehr kurzer Schlafdauer wiesen signifikant mehr Atherosklerose auf als jene mit den wenigsten Schlafunterbrechungen. Atherosklerose wiederum fördert Folgeerkrankungen wie PAVK, Herzinfarkt oder Schlaganfall. Univ.-Prof. Halle, Direktor unseres Insituts für Sportmedizin und Sportkardiologie der TU München, betont: „Gesunder Schlaf schützt vor Atherosklerose. Sieben Stunden Schlaf pro Nacht sind optimal für Erwachsene.“
Die enge Verknüpfung zwischen Schlafmangel und Atherosklerose hat sich auch in Untersuchungen von Forschern des Massachusetts General Hospitals in Boston bestätigt: Sie setzten Mäuse unter Schlafentzug und damit unter Stress. Durch die verringerte Schlafdauer sank die Produktion des Hormons Hypocretin im Gehirn. Das verstärkte die Freisetzung eines Botenstoffs im Knochenmark, wodurch dort vermehrt weiße Blutkörperchen gebildet wurden. Diese hefteten sich dann an den Wänden der Blutgefäße an und bewirkten weitere Ablagerungen, berichten die Wissenschaftler im Februar 2019 im Fachjournal „Nature“. Die Wissenschaftler möchten die entdeckte Verbindung zwischen Nerven- und Immunsystem am Menschen weiter erforschen.

Immer mehr Menschen von Schlafstörungen betroffen
In Deutschland klagen bis zu 30 Prozent der Erwachsenen über eine mangelhafte Schlafqualität. Schlafstörungen bei Berufstätigen zwischen 35 und 65 Jahren haben seit 2010 um 66 Prozent zugenommen. 80 Prozent der Arbeitnehmer fühlen sich derzeit betroffen. Knapp die Hälfte der Erwerbstätigen ist bei der Arbeit müde, knapp ein Drittel erschöpft. Auch immer mehr junge Menschen in Deutschland leiden unter Schlafproblemen: Ärztlich diagnostizierte, nicht organisch bedingte Schlafstörungen bei 19- bis 29-Jährigen sind binnen zehn Jahren um 89 Prozent angestiegen.

Ursachen ungewollter Schlaflosigkeit
Frauen leiden häufiger an Schlafstörungen als Männer. Starke Belastungen (Stress) in Schule / Beruf oder Familie erhöhen das Risiko, nicht genug oder ausreichend erholsamen Schlaf zu bekommen. Häufig hat eine Schlafstörung körperliche Ursachen wie Diabetes, Asthma oder eine Schilddrüsenfehlfunktion. Auch psychische Probleme, wechselnde Arbeitszeiten und Schichtarbeit können zu Schlafstörungen führen. Bei Frauen können die Wechseljahre der Auslöser sein.

Langfristige Folgen von Schlafmangel im Überblick
- Behinderung der Regenerationsfähigkeit der Zellen
- Geringere Leistungsfähigkeit der Organe
- Erhöhte Anfälligkeit für Krankheiten
- Störungen des Hormonhaushaltes
- Beeinträchtigung der sozialen und geistigen Fähigkeiten

Übergewicht als Folge von zu wenig Schlaf
Wer im Durchschnitt weniger als fünf Stunden pro Nacht schläft, hat zudem ein um etwa 50 Prozent erhöhtes Risiko für Übergewicht (bei Teenagern: rund 40 Prozent), informierte Prof. Halle. Viele Menschen mit Schlafstörungen haben nach einer unruhigen Nacht einen stärkeren Drang zu essen (Heißhungerattacken). Wenig Schlaf senkt die Leptin- und erhöht die Ghrelinkonzentration und kann so den Appetit steigern. Auf Dauer geht dies zu Lasten des Körpergewichts.

Durch Regeneration Entzündungen vorbeugen

Die Kombination aus Bewegungsmangel, Übergewicht und zu wenig Regeneration (konkret: Stress und Mangel an gesundem Schlaf) führe auf Dauer zu chronischen Entzündungen im Körper, so der Kardiologe und Präventivmediziner. Diese erhöhe das Risiko u. a. für Übergewicht / Fettleibigkeit, Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen, bestimmte Krebserkrankungen wie Brust- und Darmkrebs sowie Demenz. Um Entzündungen vorzubeugen, sei die Regeneration von „zentraler Bedeutung. Etwa ein Drittel unseres Lebens verbringen wir schlafend oder sollten dies zumindest tun.“ Sowohl der Körper als auch der Geist benötigen die Schlafenszeit zur Regeneration. Das Themenfeld „Stress und Schlaf“ müsse in der Präventivmedizin noch viel stärker Beachtung finden, betonte Prof. Halle. Entspannung und gesunder Schlaf seien auch für ambitionierte Freizeitsportler wichtig: „Wer zu wenig regeneriert, kann seine Leistungsfähigkeit nicht verbessern.“

„Power Nap“ für mehr Gesundheit und Leistungsfähigkeit

Zwischen 13 und 14 Uhr fallen wir aufgrund unseres Biorhythmus in ein Leistungstief. Studien haben gezeigt: Wer regelmäßig einen kurzen Mittagsschlaf hält, ist in der zweiten Tageshälfte belastbarer, produktiver, kreativer und aufmerksamer – und fördert seine Gesundheit. Ideal sind 15 Minuten. Prof. Halle rät, beim Einschlafen den Schlüsselbund in der Hand zu halten. Wenn nach etwa 15 Minuten die Tiefschlafphase beginnt, entspannen sich die Muskeln, der Schlüsselbund fällt zu Boden und weckt auf. Er empfiehlt zudem, direkt vor dem Kurzschlaf einen Espresso zu trinken. Das Koffein wirkt erst mit Verzögerung und entfaltet dann seine wachmachende, Konzentration fördernde Wirkung.  

Prof. Halles Tipps für Patienten mit Schlafstörungen
- 10 min Spazierengehen am Tag, optimal am Abend nach dem Abendessen
- Keine intensiven körperlichen Belastungen mehr in der letzten Stunde vor dem Einschlafen
- Schlafzimmer ruhig, dunkel und kühl
- Keine wache Zeit im Bett, gleich Schlafenlegen
- Morgens in die Sonne oder das Tageslicht schauen
- Stressoren vor dem Insbettgehen vermeiden (keine Emails, kein Handy)
- Auf eine komfortable Matratze und Kissen achten
- Kein Kaffee nach 13 Uhr (Langzeiteffekt von Koffein), kein Alkohol, v. a. abends
- Entspannen vor dem Insbettgehen (z. B. warmes Bad, klassische Musik)
- Gedanken und Probleme notieren, spätestens vor dem Insbettgehen aufschreiben

„70 bis 80 Prozent der Männer über 40 Jahre schnarchen“
Über „Diagnostik und Therapie von Schlafstörungen“ informierte Univ.-Prof. Dr. med. Clemens Heiser von der Klinik und Poliklinik für Hals, Nasen- und Ohrenheilkunde am Klinikum rechts der Isar der TU München. Von einer Insomnie spricht man, wenn der Betroffene mehrmals wöchentlich und über einen Zeitraum von mindestens einem Monat unter Ein- oder Durchschlafstörungen beziehungsweise einem nicht erholsamen Schlaf leidet. Schlafbezogene Atemstörungen werden auch als Schlafapnoe bezeichnet. 26 Millionen Deutsche sind davon betroffen. Bei Schlafapnoe kommt es zu lautem, unregelmäßigen Schnarchen und bis zu 100 Mal pro Nacht zu vorübergehenden Atemaussetzern. Aufgrund der kurzen Atemstillstände fällt die Sauerstoffsättigung des Bluts ab, was wiederum eine Weckreaktion auslöst. Betroffene wachen deshalb immer wieder auf. Schlafapnoe sollte nicht unterschätzt, sondern unbedingt behandelt werden. Prof. Heiser: „Für Männer ist Schlafapnoe der größte Risikofaktor für ein kardiovaskuläres Ereignis.“ Wegen des Symptoms „Schnarchen“, ausgelöst durch die Entspannung der Atemmuskulatur, werden viele Patienten zu ihm geschickt: „70 bis 80 Prozent der Männer über 40 Jahre schnarchen.“ Bei den Frauen sei Schnarchen nicht ganz so häufig.

Maßnahmen für Schlafapnoe-Patienten
Prof. Heiser klärte über ambulante und stationäre Diagnostiken sowie über konservative und apparative Therapien auf. Zudem erklärte er, welche operativen Therapien Betroffenen helfen können. Hier hob er v. a. den Zungenschrittmacher hervor. Dieser hält durch elektrische Stimulierung des Zungennervs nachts die Atemwege frei und verhilft Menschen mit obstruktivem Schlafapnoe-Syndrom so zu einem erholsamen Schlaf. „Er wird nur aktiv, wenn Patienten ihn benötigen.“ Wichtigen Maßnahmen für Schlafapnoe-Patienten seien u. a.:
- Normalisierung des Körpergewichts (bei Übergewicht drückt mehr Gewicht auf die Atemwege und belastet diese)
- Vermeidung der Rückenlage beim Schlafen (helfen könne ein elektronischer Schlafpositions-Trainer, der vibriert, wenn man auf dem Rücken liegt)
- Vermeiden von Alkohol (Alkohol entspannt Muskeln zusätzlich)
- Therapie von Begleiterkrankungen
- Ggf. Schiene (über Zahnarzt), um den Unterkiefer nach vorne zu verlagern und so die Atemwege zu öffnen

„Wer einen Wecker braucht, hat nicht zu Ende geschlafen“
Deutschlands bekanntester Chronobiologe, Univ.-Prof. Dr. med. Till Roenneberg vom Institute for Medical Psychology an der LMU, setzte sich in seinem Vortrag für ein Leben nach der inneren Uhr ein. Mit dem Satz „Wer einen Wecker braucht, hat nicht zu Ende geschlafen“ provozierte er bewusst, denn er weiß, die meisten suchen es sich nicht freiwillig aus, wann sie aufstehen. Auch in seinem Buch „Das Recht auf Schlaf“ fordert er Politik und Arbeitgeber auf, äußere Bedingungen zu verändern. Feste Arbeits- bzw. Schulzeiten führen dazu, „dass viele Menschen nicht die Menge Schlaf bekommen, die sie eigentlich benötigen, um tagsüber fit und konzentriert zu sein“. Feste Arbeitszeiten werden laut Prof. Roenneberg der Individualität der Menschen nicht gerecht werden und zwingen vor allem späte Chronotypen zu einem Leben gegen ihre innere Uhr. Die Folge: Diese äußeren Umstände schaden langfristig der körperlichen und seelischen Gesundheit: Zu wenig Schlaf erhöht auf Dauer das Risiko für Erkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck, Depressionen und Krebs. Ob man eher Lerche oder Nachteule ist, habe weniger mit Lebenswandel und Gewohnheiten zu tun, sondern in erster Linie mit Veranlagung. Prof. Roenneberg plädiert für radikal flexiblere Arbeitszeiten und einen späteren Schulbeginn.

Auf dem 3-er Foto sehen Sie von links:
- Univ.-Prof. Dr. med. Clemens Heiser, Klinik und Poliklinik für Hals, Nasen- und Ohrenheilkunde, MRI, TUM
- Univ.-Prof. Dr. med. Martin Halle, Institut für Sportmedizin und Sportkardiologie, MRI, TUM
- Univ.-Prof. Dr. med. Till Roenneberg, Institute for Medical Psychology, LMU

Bildnachweise: links: Shutterstock, rechts: Heidi Willmann

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