Bluthochdruck und Lebensstil: „Hürden für Patienten niedrig wählen“

„Bluthochdruck (Hypertonie) wird noch immer völlig unterschätzt“, erklärte Prof. Martin Halle, Ärztlicher Direktor des Zentrums für Prävention und Sportmedizin der TU München, bei der gestrigen prevenTUM-Fortbildung am Universitätsklinikum rechts der Isar, vor rund 150 Ärzten, Sport- und Ernährungswissenschaftlern, Physiotherapeuten und Trainern.

Linktipps: Titelgeschichte der Abendzeitung vom 19.07.2019 (PDF), AZ-Onlineveröffentlichung

Jeder sollte seine Werte kennen, denn anhaltender Bluthochdruck schädigt die Gefäße und ist Risikofaktor Nummer eins für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. In Europa sterben jedes Jahr mehr als 2,2 Millionen Frauen und 1,8 Millionen Männer daran. Etwa 50 Prozent der Herzinfarkte und Schlaganfälle wären vermeidbar, wenn Bluthochdruck rechtzeitig diagnostiziert und optimal gegengesteuert würde. Der Lebensstil sei dabei entscheidend – neben Bluthochdruck sind Rauchen, hohe Blutzuckerwerte und Übergewicht die größten Risikofaktoren. Dies bestätigt die Studie „Global Burden of Disease“, eine der weltweit größten Gesundheitsstudien, die 2018 in der Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlicht wurde.

Fast jeder dritte Erwachsene in Deutschland hat einen zu hohen Blutdruck. Laut Zahlen des Robert-Koch-Instituts wissen jedoch etwa 20 Prozent der Betroffenen nichts von ihrer Erkrankung. „Den Blutdruck spürt man nicht, den muss man messen“, betonte Oberarzt Dr. med. Michael Schindler in seinem Vortrag „Vom Bluthochdruck zur Herzerkrankung“. Nach einer Bluthochdruck-Diagnose sollte immer eine Bestimmung des persönlichen Risikos (etwa PROCAM, ESC-SCORE) vorgenommen werden. Das  SCORE-System schätzt das 10-Jahres-Risiko für eine tödliche Herz-Kreislauferkrankung ein. Durch eine gesunde Lebensweise können die Werte massiv beeinflusst werden. Dies veranschaulichte auch ein Patiententalk am Ende der Fortbildung (siehe unten). Um eventuelle Schädigungen festzustellen, empfahl der Kardiologe, dass Patienten nach einer Bluthochdruck-Diagnose ihr Herz untersuchen lassen sollten.

Ab wann ist der Blutdruck zu hoch? Hierzu informierte Franziska Stöckhert, Fachärztin für Innere Medizin und Notfallmedizin. An der Definition von Bluthochdruck änderte sich in den 2018 neu veröffentlichten Leitlinien der European Society of Cardiology (ESC) nichts: Während die neuen US-Leitlinien Bluthochdruck bereits ab Werten von 130/80 mmHg definieren, sehen die europäischen Leitlinien weiterhin vor, die Mehrzahl der Hypertoniker erst ab einem Blutdruck von 140/90 mmHg medikamentös zu behandeln. Die europäischen Leitlinien empfehlen, eine Senkung in den Normalbereich (unter 130/80 mmHg) anzustreben. Unterschieden wird zwischen einem optimalen Blutdruckbereich (unter 120/80 mmHg), einem normalen (120-129/80-84 mmHg) und einem hochnormalen Bereich (130-139/85-89 mmHg). Bluthochdruck sei ein komplexes Erkrankungsbild. Die Therapie sollte immer individualisiert erfolgen. Im sogenannten hochnormalen Bereich (130-139/85-89 mmHg) wird gegebenenfalls medikamentös behandelt, wenn ein sehr hohes Risiko für eine Koronare Herzerkrankung (KHK) und kardiovaskuläre Erkrankungen vorliegt. Bei Grad 1-Hypertonie-Patienten (140-159/90-99 mmHg) sei eine medikamentöse Behandlung erforderlich, wenn ein hohes oder sehr hohes Risiko für KHK, Kardiovaskuläre Erkrankungen oder bluthochdruckbedingte Organschädigungen besteht oder / und eine Lebensstiländerung nach drei bis sechs Monaten zu geringe Erfolge gezeigt habe.

Medikamentöse Therapie: Bei der Therapie sei für die Wahl des Medikaments nicht das Alter des Patienten entscheidend, sondern vielmehr der Allgemeinzustand. Dass die Hälfte aller Menschen mit Bluthochdruck nicht beziehungsweise nicht erfolgreich behandelt werden könne, liege laut Experten in mangelnder Therapietreue (Medikamente und Lebensstil) und in der Dunkelziffer der Erkrankung. Zum Aspekt „Therapietreue“ – dass die Patienten ihre Tabletten einnehmen – erklärte Franziska Stöckhert: Je weniger Tabletten verschrieben werden, umso eher nehmen die Patienten sie. Dies hätten Erfahrungen gezeigt. Immer häufiger würden Ärzte Patienten sogenannte „Single Pills“ verordnen. Nachteil sei, dass eventuelle Nebenwirkungen eines Medikaments nicht so leicht zugeordnet werden könnten. Die Entscheidung solle von Fall zu Fall getroffen werden. Wenn beispielsweise zwei Medikamente benötigt werden, könnte man langsam anfangen: das erste Medikament für vier Wochen testen, danach das zweite Medikament. Treten keine Nebenwirkungen auf, werde die „Single Pill“ in der Regel gut vertragen. Nebenwirkungen von Bluthochdruck-Medikamenten – dass Patienten müde und schlapp werden – könnten unter anderem durch Bewegung und Sport reduziert werden.

Training: Bei Bluthochdruck-Patienten sollte immer eine Lebensstil-Beratung durchgeführt werden, betonte auch Oberärztin Dr. med. Katrin Esefeld, Fachärztin für Innere Medizin und Sportmedizin, in ihrem Vortrag. Vor allem durch regelmäßiges körperliches Training sowie Gewichtsabnahme könnten Patienten erhöhten Blutdruck deutlich senken und ihre Prognose verbessern. Um etwa 5 bis 8 mmHg könnten die Werte durch ein Ausdauertraining (etwa Walken, Joggen, Radfahren, Schwimmen/Aqua Fitness) von mindestens 30 Minuten an fünf bis sieben Tagen pro Woche reduziert werden. Noch bessere Ergebnisse könnten durch ein hochintensives Training erzielt werden. Ergänzend wird ein Krafttraining an zwei bis drei Tagen pro Woche empfohlen.

Ernährung: Welche Ernährung hat den besten Effekt bei Bluthochdruck? Hier nannte Dr. Esefeld Zahlen aus einer Metaanalyse. Hier wurde 23 Studien über 25 Jahren untersucht. Mit der sogenannten DASH-Diät konnte Bluthochdruck um 4,2 bis 7,2 mmHg gesenkt werden. Bei dieser eigentlichen Ernährungsumstellung kommt es darauf an, viel Gemüse, Obst, Vollkornprodukte und Fisch zu sich zu nehmen. Verzehrt werden weniger tierische Fette, dafür mehr gesunde Fette, etwa durch Nüsse und Öl. Außerdem sollte auf fettarme Milchprodukte umgestiegen werden.

Salzzufuhr: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt maximal sechs Gramm pro Tag, die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) rät zu maximal fünf Gramm täglich. Dies entspricht nicht mehr als einem Teelöffel Salz. Viele Patienten konsumieren zehn bis 15 Gramm täglich, vor allem über Fertigprodukte sowie Wurstwaren, aber auch durch Brot. Damit salzarmes Essen dennoch schmeckt, rät Dr. Esefeld, beim Kochen Salz durch frische Kräuter und Pfeffer zu ersetzen.

Rauchen sei ohnehin ein starker Risikofaktor für Herz-Kreislauferkrankungen. Bluthochdruck-Patienten schaden ihrer Gesundheit durch Rauchen zusätzlich: Jeder einzelne Zug an der Zigarette lässt den Blutdruck mit sofortiger Wirkung für mehrere Minuten zusätzlich ansteigen. So werden die durch den zu hohen Blutdruck vorgeschädigten Gefäße noch stärker „unter Druck“ gesetzt und geschädigt. Ein Rauchstopp sei unbedingt zu empfehlen.

Stress:
Eine der wichtigsten Ursachen für hohen Blutdruck ist chronischer Stress. Entspannungstechniken wie Yoga, Meditation oder Autogenes Training helfen dem Körper, mit Stress besser umzugehen oder die Folgen von Stress zu verarbeiten. Umso geringer ist der Blutdruckanstieg in Stresssituationen.

Langfristiger Erfolg:
Um Bluthochdruck-Patienten dauerhaft für einen gesunden Lebensstil zu motivieren, rät Prof. Halle Ärzten, Hürden niedrig zu wählen. Patienten empfiehlt er, ihre Lebensweise nicht gleich komplett umzustellen, lieber an kleinen Stellschrauben zu drehen. Mit dieser Strategie ist auch Patient Heinrich D. (48 Jahre) erfolgreich. Zum Abschluss der Fortbildung schilderte er, wie er seit fünf Jahren seinen Lebensstil und damit seine Gesundheit und Lebensqualität enorm verbessert hat. Mit Bluthochdruck und einem Gewicht von rund 150 Kilo stellte sich der damalige Couch Potato 2014 bei Prof. Halle vor. Heute wiegt er 116 Kilo und nimmt statt fünf Bluthochdruck-Tabletten nur mehr eine pro Tag. Durch Sport und Gewichtsabnahme möchte er diese „in den nächsten Monaten auch noch loswerden“. Sein Training hatte mit täglich wenigen Minuten Spazierengehen begonnen (Prof. Halle: „Grundsätzlich ist jede Bewegung besser als keine. Das Training sollte lieber kurz, dafür optimaler Weise täglich stattfinden, damit man in den Rhythmus kommt. Train the brain.“). Inzwischen stellt der Ingenieur seinen Wecker früher, um jeden Morgen acht bis neun Kilometer Walken zu gehen. „Die Bewegung an der frischen Luft tut mir gut. Wenn ich einmal nicht gehen kann, fehlt es mir“, berichtete der zweifache Familienvater. Auch ein Ernährungstagebuch habe ihm sehr geholfen. Prof. Halle empfahl ihm anfangs, sein Essen zu fotografieren und zu dokumentieren. Dies habe ihm bewusst gemacht, was er alles nebenbei gegessen habe. Schritt für Schritt habe er beispielsweise Softdrinks durch Wasser ersetzt. Statt viel Brot esse er abends häufig Gemüse. Insgesamt esse er weiterhin alles, ab und zu auch Chips und Schokolade, „aber bewusst und in Maßen“.

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