„Impfungen sind riskant, wenn man auf sie verzichtet“

Von Influenza bis HPV: Zentrum für Prävention und Sportmedizin der TU München klärte über Impfungen auf

Titelgeschichte der Abendzeitung vom 26.10.2018 (PDF)

Nachfolgend unser Nachbericht:
„Die Gefährlichkeit der Influenza wird häufig unterschätzt. Sie ist in Deutschland die Infektionskrankheit mit der höchsten Sterblichkeitsrate“, mahnte Dr. med. Andrea Wawer im Rahmen der prevenTUM-Fortbildung „Impfungen“ unseres Zentrums für Prävention und Sportmedizin der TU München. Mehr als 20.000 Menschen in Deutschland sind in der vorigen Grippesaison an Influenza gestorben. Zum Vergleich: Über 3.000 Menschen in Deutschland kommen jedes Jahr durch Autounfälle ums Leben. Impfen – ja, nein, vielleicht? Impfungen sorgen stets für reichlich Diskussionsstoff, ob es um die Wirksamkeit geht oder um möglicherweise gefährliche Nebenwirkungen. „Impfungen sind riskant, wenn man auf sie verzichtet“, betonte unser Ärztlicher Direktor Prof. Martin Halle. Gemeinsam mit Experten stellte er die neuesten Erkenntnisse rund um vorbeugende und therapeutische Impfungen vor (Programm und Referenten). Rund 170 Ärzte, Sport- und Ernährungswissenschaftler, Studenten, Physiotherapeuten und medizinisch Tätige nahmen an der Fachveranstaltung im Klinikum rechts der Isar teil. Die Moderation übernahm Prof. Percy Knolle, Ärztlicher Direktor des Instituts für Molekulare Immunologie an der TU München. Um keinen Trainingsrückstand durch eine eventuelle Influenza zu riskieren, ließ sich Alem Begic, amtierender Box-Europameister im Halbschwergewicht, während der Fortbildung impfen.

Influenza: „Viele schwere Krankheitsverläufe und Todesfälle könnten vermieden werden“


Mit rund neun Millionen Menschen sind in der vergangenen Grippesaison in Deutschland so viele Menschen an Influenza erkrankt wie seit 17 Jahren nicht; mehr als 20.000 Menschen sind daran gestorben, informierte Betriebsmedizinerin Dr. med. Andrea Wawer vom Klinikum rechts der Isar. Sie ist überzeugt: „Viele schwere Krankheitsverläufe und Todesfälle könnten durch eine höhere Impfrate vermieden werden.“ Laut Robert-Koch-Institut sei von den über 60-Jährigen, die am häufigsten in Zusammenhang mit einer Grippeinfektion sterben, bisher nur etwa ein Drittel gegen Influenza geimpft. Trotz der von Saison zu Saison unterschiedlichen Wirksamkeit sei die Influenza-Impfung die wichtigste Schutzmaßnahme. Selbst wenn die WHO-Kommission mit der Vorhersage der in dieser Saison am häufigsten kursierenden Influenzaviren falsch liegen sollte, beeinflusst eine suboptimale Impfung den Verlauf einer Grippeerkrankung positiv: In einer großen Studie klagten Senioren, die trotz Impfung eine echte Influenza bekommen hatten, weniger unter Fieber, Husten und Atembeschwerden. Dass man durch eine Influenza-Impfung eine Influenza bekomme, sei ein Mythos, sagte die Medizinerin. „Da man einen Totimpfstoff gespritzt bekommt, ist dies nicht möglich.“ Nach dem Piks dauert es etwa zehn bis 14 Tage, bis sich der Impfschutz vollständig aufbaut. Eine zweifache Impfung – etwa jetzt und dann nochmals im Februar – sei nicht nötig, da sich der Impfstoff nicht verändere.

HPV: „Traurig, dass nur etwa ein Drittel der 15-jährigen Mädchen geimpft sind“

Rund 4.500 Frauen in Deutschland erkranken jedes Jahr neu an Gebärmutterhalskrebs, etwa 1.500 Frauen sterben daran. Die HPV-Impfung schützt zu nahezu 100 Prozent vor dieser Krebsart und anderen mit HPV-Viren verbundenen Krebserkrankungen – sofern rechtzeitig geimpft wird. „Angesichts der hohen Wirksamkeit ist es traurig, dass nur etwa ein Drittel der 15-jährigen Mädchen geimpft ist“, sagte Dr. med. Hedwig Roggendorf, die am Zentrum für Prävention, Ernährung und Sportmedizin am Klinikum rechts der Isar die Reise-Impfsprechstunde / Gelbfieberimpfstelle betreut. „Eine Mit-Ursache ist sicherlich, dass Jugendgesundheitsuntersuchungen insgesamt nur von 37 Prozent angenommen werden. Wenn Kinder und Jugendliche zum Arzt gehen, sind sie meist krank, viel zu wenige nutzen Vorsorgeuntersuchungen.“ Wegen vermeintlich gefährlicher Nebenwirkungen sei die HPV-Impfung bei Eltern häufig in der Diskussion. In großen wissenschaftlichen Studien wurde jedoch kein Hinweis auf Autoimmunerkrankungen gefunden. „Die HPV-Impfung ist sicher und effektiv.“ Seit April dieses Jahres übernehmen die Krankenkassen die HPV-Impfung auch für Jungen, denn Jungen und Männer übertragen die Infektion verhältnismäßig leicht. Die HPV-Impfung wird empfohlen zwischen 9 und 14 Jahren. In diesem Alter sind zwei Impfungen im Abstand von sechs Monaten nötig, ab 14 Jahren sind drei Impfungen erforderlich.

FSME: 2018 bereits 189 Fälle in Bayern

Da seit diesem Jahr 88 der 96 Landkreise Bayerns als Risikogebiet gelten, sei diese Impfung noch wichtiger geworden, so Dr. Roggendorf. 2018 wurden in Bayern bereits 189 FSME-Fälle gemeldet. Im Gegensatz zur Borreliose, die im Frühstadium mit Antibiotika therapiert werden kann, gibt es zur Behandlung der FSME keine speziellen Medikamente – Ärzte können nur die Symptome behandeln. Dr. Roggendorf: „Impfen ist die effektivste medizinische Maßnahme gegen FSME.“  Alle, die in einem Risikogebiet leben, sollten sich impfen lassen. Entscheidet man sich zur Impfung, sind drei Impfdosen im Abstand von einigen Monaten nötig. Alle drei bis fünf Jahre soll die Impfung aufgefrischt werden.

Hepatitis B: Schutz durch Therapie

Etwa 260 Millionen Menschen weltweit sind von Hepatitis B betroffen. Rund 880.000 Menschen sterben jedes Jahr an den Folgen einer Infektion mit dem Virus – und die Zahlen steigen stetig an. Für Patienten mit einer Hepatitis B-Erkrankung gibt es nun einen Hoffnungsschimmer: „Wir haben einen therapeutischen Impfstoff entwickelt, der über zwei nacheinander geschaltete Impfungen erstmals eine Chance auf Heilung bieten könnte“, erklärte Prof. Dr. med. Ulrike Protzer vom Institut für Virologie (Helmholtz Zentrum München, TU München). Nach erfolgreichen präklinischen Tests wird eine erste klinische Studie am Menschen vorbereitet.

HIV: Impfstoff in fortgeschrittener medizinischer Prüfung

Etwa 88.400 Menschen in Deutschland leben mit einer HIV-Infektion, so eine Schätzung des Robert Koch-Instituts für 2016. Die Zahl der jährlichen Neuinfektionen liegt bei circa 3.100, bis zu 500 Menschen sterben an den Folgen von Aids. Zum Vergleich: Mitte der neunziger Jahre starben in Deutschland bis zu 2.500 Menschen pro Jahr an der Krankheit. Die Zahlen sind rückläufig, dennoch vergehen bisher durchschnittlich fünf Jahre zwischen Infektion und Diagnose. HIV sei heute eine gut beherrschbare Krankheit, erklärte PD Dr. med. Christoph Spinner von der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin II am Klinikum rechts der Isar. Rund zehn Prozent aller HIV-Infizierten Deutschlands werden in München behandelt. PD Dr. Spinner: „Eine frühe Diagnose (etwa durch den neuen Selbsttest) und eine frühe Therapie retten Leben“: Ein 20-Jähriger, der sich neu infiziere und behandeln lasse, könne eine nahezu normale Lebenserwartung erzielen. Risikopatienten können für 50 Euro monatlich (ab 1.11.2018: 40 Euro monatlich) eine HIV-Prophylaxe nutzen. Ein tatsächlicher Impfstoff gegen HIV befinde sich derzeit in fortgeschrittener medizinischer Prüfung. Ergebnisse werden für 2021/2022 erwartet.

 

Auf dem Gruppenfoto (oben) sehen Sie von links:
- PD Dr. med. Christoph Spinner von der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin II am Klinikum rechts der Isar
- Prof. Dr. med. Ulrike Protzer vom Institut für Virologie (Helmholtz Zentrum München, TU München)
- Dr. med. Andrea Wawer, Ärztliche Leiterin der Betriebsmedizin am Klinikum rechts der Isar
- Dr. med. Hedwig Roggendorf, Leiterin der Reise-Impfsprechstunde / Gelbfieberimpfstelle (Zentrum für Prävention, Ernährung und Sportmedizin, Klinikum rechts der Isar)
- Prof. Dr. med. Martin Halle, Ärztlicher Direktor des Zentrums für Prävention und Sportmedizin der TU München
- Prof. Percy Knolle, Ärztlicher Direktor des Instituts für Molekulare Immunologie an der TU München

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