Zeitumstellung als Herausforderung – Dr. Scherr bei Olympia

Portrait Oberarzt Priv.-Doz. Dr. med. Johannes Scherr

Die Zeitumstellung bezeichnet Dr. Johannes Scherr, Leitender Oberarzt des Zentrums für Prävention und Sportmedizin der TU München, als besondere Herausforderung für die deutschen Olympiastarter in Pyeongchang. Der Facharzt für Innere Medizin und Sportmedizin sowie Bereichsleiter Leistungssport ist zum dritten Mal als Olympiaarzt tätig. Im Interview hat er uns verraten, wie er und seine Kollegen die Athleten präventiv betreuen, wann sie Sportlern von einem Start abraten und ob er Streif-Sieger Thomas Dreßen zutraut, der nächste deutsche Ski-Olympiasieger zu werden.

Als Leitender Disziplinarzt Ski alpin des DSV werden Sie in Pyeongchang zum dritten Mal bei Olympischen Winterspielen tätig sein. Wie bereiten Sie sich vor?
„Die Vorbereitung läuft schon seit Monaten – angefangen von einem Vorbereitungs-Seminar des DOSB bis zu Betreuung unserer Athleten bei Testwettkämpfen vor Ort. Je näher es auf die Spiele zugeht, erfolgt eine immer engere Abstimmung mit dem Betreuer- und Trainerstab.“
 
154 deutsche Sportler werden in Pyeongchang starten. Sie und Ihre Ärztekollegen haben mehrere Dutzend potentielle Patienten. Wie unterstützen Sie die Sportler präventiv?
„Aus internistischer Sicht bin ich für Ski Alpin, Ski Cross, Buckelpiste, Halfpipe und Slopestyle zuständig, beratend noch für Skisprung. Unser Ziel ist, das Ausfallsrisiko – sei es durch Erkrankungen wie Magen-Darm-Grippe oder Verletzungen – so gering wie möglich zu halten. Aktuell haben wir ein Merkblatt für Athleten zur Infektprophylaxe erstellt. Dann arbeiten wir noch mit Chronobiologen zusammen, damit die Zeitumstellung möglichst gut vertragen wird.“  

Welche weiteren Aufgaben haben Sie vor Ort?
„Die Betreuung der Athleten bei den Wettkämpfen sowie im Falle von Erkrankungen auch außerhalb der Wettkämpfe. Außerdem bin ich für die medizinische Betreuung des gesamten Betreuerteams sowie einiger VIP-Gäste zuständig.“

Wie werden Ihre Arbeitstage aussehen?
„Lang. Meist geht es morgens um etwa 6 Uhr mit der Mannschaft an den Berg bzw. die Wettkampfstätte, um dann beim Training bzw. Wettkampf dabei zu sein. Meist sind mehrere Sportarten an einem Tag zu betreuen. Dann Wechsel zwischen den Wettkampfstrecken. Nach Rückkehr in die Unterkunft versorgen wir die Athleten, um so eventuelle Erkrankungen möglichst frühzeitig optimal zu behandeln. Bevor unser Tag zu Ende ist, kümmern wir uns noch um die administrative Arbeit – Stichwort Dokumentation.“

Welche besonderen Herausforderungen kommen in Pyeongchang auf die Athleten zu? Was kann sich auf die Leistungsfähigkeit auswirken?
„Definitiv die Zeitumstellung. Pyeongchang ist der Mitteleuropäischen Zeit um acht Stunden voraus. Für Wettkämpfe, die nach der dortigen Ortszeit am Abend sein werden, ist dies nicht so schlimm. Für die Athleten, die schon am Morgen dran sind, sollte eine möglichst frühzeitige Umstellung angestrebt werden.“

Nach einer Virusgrippe ist Viktoria Rebensburg wieder in Goldform. Welche Untersuchungen ermöglichen es Ihnen und Ihren Kollegen, kurzfristig zu entscheiden, ob ein Sportler bei bzw. nach einer Infektionskrankheit der Wettkampfbelastung gewachsen ist? Wann raten Sie von einem Start ab?
„Dank unserer klinischen Erfahrung und der jahrelangen Zusammenarbeit mit den Athleten kennen wir diese sehr gut. Das heißt, wir wissen, wann wir einen Athleten „rausnehmen“ müssen. Somit spielen Anamnese und klinische Untersuchung eine ganz zentrale Rolle. Unterstützend können Laboruntersuchungen herangezogen werden. Die letzte Entscheidung trifft jedoch der Athlet selbst. Unvergessen, wie Maria Riesch bei der Ski-WM 2011 von einer Virusgrippe ausgebremst wurde. Damals betonte ich: „Von den letzten Blutwerten her kann sie starten. Aber es sind nicht Blutwerte, die den Berg runterfahren, sondern es ist Maria.“ Von Wettkampfbelastungen raten wir auf jeden Fall bei Vorliegen systemischer Entzündungszeichen wie Fieber oder Husten ab.“

Mit Felix Neureuther und Stefan Luitz fallen zwei Medaillenkandidaten weg. Trauen Sie Streif-Sieger Thomas Dreßen zu, der nächste deutsche Ski-Olympiasieger zu werden?
„Thomas hat gezeigt, dass er sich in der Weltspitze etabliert hat. Diese Saison hat er schon einige Top-Resultate erzielen können. Da es sich bei Ski Alpin um einen Outdoor-Sport handelt, kann man mit dem entsprechenden Können und ein bißchen Glück wie zum Beispiel beim Wetter auch als Überraschungsmann gewinnen. Ich denke, es ist nicht ausgeschlossen, dass er ganz vorne mitfährt. Ob es letztlich dann für das Podest oder gar den Sieg reicht, hängt auch von der Tagesform ab, da die Leistungsdichte der Herren so groß ist, dass es vorne wie zuletzt beim Weltcup in Garmisch-Partenkirchen ganz eng zugeht.“

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